Vom Nebel zur Klarheit: 3 Techniken, um aus vagen Ideen großartige Bücher zu machen
- Kristian Nystrøm

- Jan 21
- 4 min read
Willkommen in meiner Werkstatt.
Jedes große Buch, das du je geliebt hast – in meinem Fall Enwor von Wolfgang Holbein oder Otherland von Tad Williams – begann nicht als fertiges Manuskript. Es begann als ein unscharfer Gedanke. Ein Gefühl. Und einem Wunsch, darüber zu schreiben.
Die meisten angehenden Autoren scheitern nicht unbedingt am Schreiben selbst. Sie scheitern in der Ideenfindungsphase (oder wie man auf Neudeutsch sagt: der Ideation).
Sie warten darauf, dass der vage Gedanke von allein scharf wird. Aber Kreativität ist kein Warten auf den Blitzschlag. Kreativität ist ein Handwerk.
Heute zeige ich dir, wie du diesen Prozess aktiv steuerst. Wir verwandeln den Nebel in deinem Kopf in ein solides Fundament. Hier sind drei bewährte Methoden, um aus „Ich habe da so eine Idee...“ ein „Ich habe ein Konzept“ zu machen.
1. Die „What If“-Maschine zur Ideenfindung
Die Mutter aller Fragen in der Speculative Fiction (Science Fiction & Fantasy) ist:
„Was wäre, wenn...?“
Stephen King nennt dies das „kreative Kreuzen“. Du nimmst eine alltägliche Situation und wirfst ein störendes Element hinein, das die Realität bricht.
Wie es funktioniert:
Hör auf, nach „einer“ Idee zu suchen. Suche nach einer Kollision.
Eine Idee ist oft statisch. Eine Kollision erzeugt Energie (Konflikt).
Schritt 1: Nimm eine bekannte Realität (Status Quo).
Schritt 2: Nimm eine Unmöglichkeit oder eine extreme Veränderung.
Schritt 3: Zwinge sie zusammen.
Ein Beispiel:
Realität: Der Klimawandel bedroht uns.
Störung: Wir erfinden eine Super-KI zur Rettung.
Das „What If“: Was wäre, wenn die KI entscheidet, dass die Rettung der Erde die Auslöschung der Menschheit erfordert? (Ja, richtig, dieser Idee gehe ich in meinem Buch nach, allerdings mit weit mehr Twists, als diese Simplifizierung glauben schenken mag)
Tipp: Spiele das „Was wäre, wenn“ nicht nur einmal. Spiele es fünfmal hintereinander („Und was passiert dann?“), um von der ersten, oft klischeehaften Idee wegzukommen.
2. Mindmapping 2.0 - Baue deine Idee aus
Viele nutzen Mindmaps falsch. Sie nutzen sie als Inhaltsverzeichnis. Aber in dieser Phase geht es nicht um Ordnung. Es geht um Assoziation. Unser Gehirn arbeitet nicht linear, es arbeitet in Netzwerken.
Wie es funktioniert:
Schreibe dein zentrales „What If“ in die Mitte. Und dann lass die Synapsen feuern. Bewerte nichts.
Zweig 1: Konsequenzen. (Wenn es keine Autos mehr gibt, was passiert mit den Tankstellen? Werden sie Museen? Wohnungen?)
Zweig 2: Atmosphäre. (Wie riecht diese Welt? Nach Ozon? Nach Rost?)
Zweig 3: Gegensätze. (Wer profitiert davon? Wer leidet?)
Wenn du The Expanse mindmappen würdest, stünde in der Mitte „Menschen im Sonnensystem“. Ein Ast wäre „Schwerkraft“. Davon abgehend: „Folter durch Schwerkraft“, „Knochenkrankheiten“, „Kultureller Hass auf Erdbewohner“.
Tools für Digital Natives:
Miro: Der Industriestandard. Unendlich große Whiteboards, auf denen du Mindmaps mit Bildern und Notizen mischen kannst.
MindMeister: Klassisch, strukturiert und einfach zu bedienen.
Scapple: Von den Machern von Scrivener. Es ist wie digitales Papier – du wirfst Wörter hin und verbindest sie später. Perfekt für das Chaos am Anfang.
3. Die kreative Scavenger Hunt (Die Jagd nach dem Vibe deiner Idee)
Manchmal fehlen dir die Worte, weil dir die Bilder fehlen. Eine „Scavenger Hunt“ (Schnitzeljagd) ist die aktive Suche nach sensorischen Details, noch bevor du eine Zeile schreibst. Du jagst nicht nach Fakten, du jagst nach Stimmung (Mood).
Wie es funktioniert:
Setz dir einen Timer auf 30 Minuten. Deine Aufgabe: Finde 5 Dinge, die sich für deine Geschichte „wahr“ anfühlen.
Ein Bild: Wie sieht die Architektur deiner Eiswelt aus? (Suche im Internet. Oder frage Gemini, ChatGPT oder einem der andern LLMs dir ein Bild zu generieren).
Ein Song: Wie klingt der Soundtrack? (Synthwave? Klassik? Dröhnende Bässe?).
Ein Artikel: Finde einen echten wissenschaftlichen Artikel, der deine These stützt (z.B. habe ich viel über Tipping Points oder Singularitäten gelesen). Das gibt dir Sicherheit.
Ein Gesicht: Suche nach einem Foto von jemandem, der wie dein Protagonist aussieht. (Auch hier kann man sich an die Generierung eigener Bilder wagen, schau dir z.B. Midjourney oder Canva an)
Warum das hilft:
Wenn du später schreibst und stockst, schaust du auf deine Sammlung. Du siehst das Bild der vereisten Ruine und weißt sofort wieder, wie sich die Szene anfühlen muss.
Fazit: Vertraue dem Ideation Prozess
Ideen sind scheue Tiere. Wenn du zu früh versuchst, sie in ein festes Korsett (wie eine Kapitelstruktur) zu zwingen, laufen sie weg oder sterben.
Nutze diese Phase.
Stelle die verrückten „Was wäre, wenn“-Fragen.
Lass die Mindmap explodieren.
Geh auf die Jagd nach Bildern und Klängen.
Erst wenn du das Gefühl hast, dass die Welt in deinem Kopf so laut ist, dass du sie nicht mehr ignorieren kannst – erst dann fängst du an zu plotten.
Aber warte nicht so lange, wie ich es tat. :)
Eine Idee für den Anfang:
Nimm deine aktuelle vage Idee. Setz dich für 15 Minuten hin und erstelle eine Mindmap, aber konzentriere dich nur auf die fünf Sinne. Wie riecht deine Idee? Wie schmeckt sie?
Viel Erfolg beim Bauen deiner Welt.
Weiterführende Ressourcen für die Ideenphase
Hier sind einige weitere Anlaufstellen im Netz, um deine Ideation-Phase zu vertiefen:
www.worldanvil.com – Das ultimative Tool, um deine gesammelten Ideen in eine strukturierte Welt-Datenbank zu verwandeln.
obsidian.md – Für alle, die ihre Notizen vernetzen wollen wie ein zweites Gehirn (kostenlos & lokal).
blog.reedsy.com/plot-generator – Wenn der Motor mal stottert: Ein spielerisches Tool für „What If“-Szenarien.
Raindrop.io: Der beste Lesezeichen-Manager. Speichere Artikel, Bilder und Videos visuell ansprechend ab.
Spotify / YouTube Music: Erstelle eine Playlist für dein Buch. Schreibst du eine Kampfszene? Mach die Musik an.

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